Was unterschätzen die meisten Menschen bei Starkregen, Hitze oder Stürmen?
Die meisten Menschen unterschätzen die Gefahr von Extremwetterereignissen grundsätzlich – vor allem dann, wenn sie selbst noch nie davon betroffen waren. Vielen ist nicht bewusst, wie schnell sich eine Situation zuspitzen kann und welche enormen Kräfte dabei wirken. Innerhalb kürzester Zeit werden gewaltige Energiemengen freigesetzt, und oft bleibt nur wenig Zeit zu reagieren.
Besonders in Hochwassergebieten zeigt sich das deutlich. Dort gibt es viele Menschen, die nach einem Ereignis traumatisiert sind, speziell wenn es durch kurzzeitigen Starkregen eingetreten ist. Allerdings lässt die Aufmerksamkeit mit der Zeit wieder nach. Maßnahmen werden am besten sofort nach dem Ereignis ergriffen. Wenn eine Überflutung lange zurückliegt, wird Prävention oft vergessen. Wir sprechen dabei manchmal von einer „Hochwasserdemenz“ – nach sechs bis acht Wochen rücken die Erfahrungen zunehmend in den Hintergrund.
Welche konkreten Präventionsmaßnahmen kann jede und jeder sofort umsetzen?
Der erste Schritt ist, sich mit dem eigenen Standort auseinanderzusetzen: Wo steht das Haus? Welche Besonderheiten gibt es an diesem Ort? Anschließend sollte man sich über mögliche Risiken informieren. Dafür eignet sich beispielsweise das Naturgefahrenportal HORA, das sehr verständlich aufbereitet ist und auch von Laien problemlos genutzt werden kann. Wer dort auf Gefahren hingewiesen wird, sollte die Informationen auf ihre Plausibilität überprüfen. Danach kann man gezielt einschätzen, welche Maßnahmen sinnvoll sind. Oft lassen sich Schutzmaßnahmen im Zuge ohnehin geplanter Arbeiten umsetzen. Wenn beispielsweise ein Türtausch ansteht, bietet sich manchmal eine wasserresistente Türe an. Bei einer Gartenumgestaltung kann eine Mulde eingeplant werden, die verhindert, dass Wasser ungehindert ins Haus rinnt. Auch Schwellen oder kleine Rampen helfen dabei, Oberflächenwasser vom Gebäude fernzuhalten. Je früher man handelt, desto besser. Denn die Frage ist häufig nicht, ob ein Ereignis am Objektstandort eintritt, sondern wann.
Wie gut sind Städte und Gemeinden in Tirol auf Extremwetter vorbereitet – und wo kann man noch nachschärfen?
Tirol ist bei Wassergefahren grundsätzlich sehr gut aufgestellt. Das hängt auch mit der Topografie des Landes zusammen. Die Wildbach- und Lawinenverbauung und Landeswasserbauverwaltung verfügt über umfangreiche Erfahrung und hohe fachliche Kompetenz, sodass insbesondere klassische Hochwassergefahren sehr gut berücksichtigt werden. Verbesserungspotenzial gibt es allerdings beim Thema Starkregen und Oberflächenwasser. Vor allem in Gebieten, die nicht im Fokus der Wildbach- und Lawinenverbauung liegen, können lokale Starkregenereignisse erhebliche Schäden verursachen. Hier besteht noch Bedarf an besserer Vorsorge. Der Vorteil: Viele Maßnahmen sind vergleichsweise einfach und können auch von Hausbesitzerinnen und Hausbesitzern selbst umgesetzt werden – etwa indem Lichtschächte erhöht oder Gebäudezugänge besser geschützt werden.
Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Maßnahme, die Politik oder Bevölkerung jetzt sofort setzen sollte?
Aus meiner Sicht sollte das Thema Oberflächenabfluss verpflichtend in Bauverfahren integriert werden. In Oberösterreich gibt es entsprechende Regelungen bereits. Dort muss bei Bauprojekten dargestellt werden, wie sich Oberflächenwasser verhält und welche Maßnahmen zum Schutz des Hauses getroffen werden. Natürlich dürfen durch diese Maßnahmen die Nachbarn nicht gefährdet werden. Schutzmaßnahmen dürfen nicht dazu führen, dass das Wasser lediglich auf andere Grundstücke umgeleitet wird. Eine gute Vorsorge schützt immer die eigene Liegenschaft, ohne die Probleme auf andere abzuwälzen.