Der Klimawandel ist längst im Alltag angekommen: Rekordhitze, Starkregen und neue Risiken prägen auch den Alpenraum. Naturgefahrenexpertin Margreth Keiler erklärt, wie ernst die Lage ist – und warum es trotzdem Grund zur Hoffnung gibt.
Frau Keiler, warum wird es immer heißer?
Margreth Keiler: Der Klimawandel bedeutet, dass sich das weltweite Klimasystem langfristig erwärmt. In Österreich hat die Jahrestemperatur seit 1900 bereits um etwa 3,1 Grad zugenommen. Global liegen wir derzeit bei rund 1,5 Grad Temperaturanstieg. Besonders Europa – und damit auch Österreich – ist überdurchschnittlich betroffen. Das liegt unter anderem daran, dass sich die Luft über Landmassen schneller aufheizen als Ozeane und Änderungen der atmosphärischen Zirkulation. Zudem wurden in den vergangenen Jahrzehnten Luftschadstoffe wie zum Beispiel Feinstaub reduziert, was aus gesundheitlicher Sicht wichtig war. Diese Partikel hatten jedoch einen kühlenden Effekt, da sie Sonnenstrahlung reflektierten. Heute gelangt mehr Strahlung bis zur Erdoberfläche, was die Erwärmung zusätzlich verstärkt.
Der zentrale Treiber bleibt jedoch der menschengemachte Ausstoß von Treibhausgasen, insbesondere CO2, durch Industrie, Verkehr und unseren Lebensstil seit Beginn der Industrialisierung.
Gibt es dabei Besonderheiten im Alpenraum?
Österreich erwärmt sich etwas stärker als manche Nachbarländer, insgesamt aber vergleichbar mit dem restlichen europäischen Raum. Innerhalb Österreichs sehen wir aktuell noch keine großen regionalen Unterschiede. In Zukunft könnte sich das jedoch ändern. Wenn Gletscherflächen verschwinden, fehlen helle Oberflächen, die Sonnenstrahlung reflektieren. Stattdessen bleiben dunklere Flächen zurück, die sich stärker aufheizen. Dadurch ist zu erwarten, dass insbesondere höhere Lagen künftig noch mehr von der Temperaturzunahme betroffen sein werden.
Welche Folgen hat diese Entwicklung?
Mit steigenden Temperaturen kann die Luft mehr Feuchtigkeit speichern. Das führt einerseits zu intensiveren Starkniederschlägen in kurzer Zeit, andererseits zu längeren Trockenperioden und mehr Hitze. Wir beobachten steigende Durchschnittstemperaturen, aber vor allem auch mehr Extreme: längere Hitzewellen, höhere Spitzenwerte und vermehrt Starkregen, der Hochwasser, Muren und weitere Schäden verursacht.
Welche Arten von Extremwetter sind besonders problematisch für Gebirgsregionen?
In den Alpen spielen vor allem Starkniederschläge eine große Rolle – egal ob als Regen oder Schnee. Höhere Temperaturen begünstigen häufigere Gewitter, und da warme Luft mehr Feuchtigkeit speichern kann, fallen diese Niederschläge intensiver aus. Das führt zu Naturgefahren wie Muren, Hangrutschungen, Steinschlag und Hochwasser. Zusätzlich nimmt auch die Hagelgefahr zu, da sich in sehr hohen Gewitterwolken größere Hagelkörner bilden können. Hitze betrifft zwar alle Regionen, wirkt sich im Gebirge aber oft indirekt aus, etwa durch das Auftauen von Permafrost oder das Abschmelzen von Gletschern.
Was können Gemeinden und Einzelpersonen tun, um sich besser auf Extremwetter und Naturgefahren vorzubereiten?
Auf Gemeindeebene ist die Gefahrenzonenplanung ein zentrales Instrument. In roten Zonen sollte gar nicht gebaut werden, in gelben Zonen nur mit speziellen Auflagen. Gebäude können so geplant werden, dass sie widerstandsfähiger sind – etwa durch massive Bauweise, kleinere Öffnungen auf der Gefahrenseite oder spezielle Dachkonstruktionen. Für Hochwasser gibt es viele Maßnahmen zur Schadensminderung: erhöhte Kellerfenster, keine ebenerdigen Türen, mobile Hochwasserschutzelemente oder verstärkte Wände. Solche Maßnahmen verhindern keine Extremereignisse, können aber die Schäden deutlich reduzieren.
Vielen Dank für das Gespräch.
Zur Person: Margreth Keiler studierte Geographie und Erdwissenschaften. Neben ihrer Professur am Institut für Geographie an der Universität Innsbruck ist sie Direktorin des Instituts für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Innsbruck.
Text: Anna Füreder.
Der Bericht wurde leicht gekürzt und erschien erstmals im Grün-Magazin Nr. 4, nachzulesen hier.