Starkregen, Hochwasser und überhitzte Städte zeigen in einer Regelmäßigkeit die Folgen des Klimawandels. Um dem entgegenzuwirken, spielen Retentionsflächen eine zentrale Rolle. Sie halten Wasser zurück, anstatt es direkt abzuleiten.
„Retentionsflächen sind Flächen, die Wasser für einen gewissen Zeitraum zurückhalten und somit zur Verringerung von Überschwemmungen beitragen“, erklärt Klaus Schneeberger vom Ingenieurbüro alpS. Während auf versiegelten Flächen Regenwasser schnell in Kanalisation und Vorfluter abgeleitet wird, werde es hier bewusst zurückgehalten und verzögert abgegeben oder versickert direkt. „Man versucht damit, den Abfluss zu dämpfen“, so Schneeberger.
VERLORENE AUEN, SCHNELLERES WASSER
Historisch erfüllten beispielsweise Flussauen diese Funktion. Doch viele dieser natürlichen Retentionsräume sind mittlerweile verschwunden. Hans Stötter, Professor für Geographie an der Universität Innsbruck, weist darauf hin, dass Flüsse zunehmend begradigt und verbaut wurden: „Wir sind immer weiter in diese Räume hineingegangen und haben die natürliche Flusslandschaft umgewandelt.“ Statt Auen prägen heute Siedlungen und landwirtschaftliche Nutzflächen das Bild. Dadurch fließe das Wasser schneller ab, Hochwasserspitzen würden steigen. Retentionsflächen müssten daher vielerorts künstlich wieder geschaffen werden, etwa durch Renaturierungen.
DREI TREIBER DES HOCHWASSERRISIKOS
Warum Retentionsflächen heute besonders wichtig sind, erklärt Klaus Schneeberger anhand von drei Einflussfaktoren: Atmosphäre, Einzugsgebiet und Flussbau. Der Klimawandel erhöhe die Fähigkeit der Atmosphäre, Wasserdampf aufzunehmen, was zu intensiverem Starkregen führe. Gleichzeitig hätten sich Einzugsgebiete stark verändert. „Der Regentropfen, der früher in eine Aulandschaft gefallen ist, fällt heute oft auf eine versiegelte Fläche.“ Begradigte Flüsse würden zudem die Hochwasserwellen beschleunigen. Hans Stötter unterlegt diese Entwicklung mit Zahlen: Pro Grad Erwärmung könne die Atmosphäre rund 7 Prozent mehr Feuchtigkeit aufnehmen. In Tirol habe sich das Klima seit dem späten 19. Jahrhundert um etwa 3 Grad erwärmt. „Wir reden also von mehr als 20 Prozent mehr Luftfeuchtigkeit.“ Das resultiere in entsprechend heftigeren Niederschlagsereignissen.
HANDLUNGSSPIELRÄUME IN STADT UND LAND
In Städten seien großflächige Retentionsräume schwer umsetzbar, dennoch gebe es Handlungsspielräume. Schneeberger unterscheidet hierbei zwischen Neubauten und Bestandsgebäuden. Auch in Letzteren liege großes Potenzial. Begrünte Dächer, Retentionsdächer, Zisternen oder versickerungsfähige Beläge könnten auch nachträglich umgesetzt werden. „Man muss nicht alles asphaltieren“, so Schneeberger. Rechtlich gebe es in Tirol seit rund 20 Jahren klare Vorgaben. Regenwasser soll grundsätzlich versickern und nur in Ausnahmefällen in den Kanal eingeleitet werden. Förderungen für Dachbegrünung oder Regenwassernutzung ergänzen zudem diese Regelungen. Auch kleine Maßnahmen können Wirkung entfalten. „Wenn jeder etwas tut, dann passiert sehr viel“, betont Stötter. Besonders Parkplätze, Zufahrten und andere versiegelte Flächen bieten Potenzial, auch im ländlichen Raum. Schneeberger verweist zudem auf zunehmende Trockenperioden, in denen Regenwasserrückhalt auch die lokale Wasserversorgung entlasten könne.
MEHR GRÜN GEGEN HITZE
Über den Hochwasserschutz hinaus wirken Retentions- und Begrünungsmaßnahmen kühlend: „Begrünung ist eine der wirksamsten Maßnahmen gegen urbane Hitzeinseln“, so Stötter. Und auch die Landwirtschaft könne zur Lösung beitragen. Zwar sei Tirol mit seinem hohen Grünlandanteil weniger betroffen, dennoch könnten verdichtete oder ausgetrocknete Böden den Oberflächenabfluss verstärken. Vegetationsstreifen, angepasste Bewirtschaftung und Bodenlockerung könnten hierbei gegensteuern. Beide Experten sind sich einig: Retentionsflächen werden künftig eine Schlüsselrolle spielen. Klimabedingte Schäden verursachen bereits jetzt hohe Kosten, die noch weiter steigen könnten. Umso wichtiger sei es, Wasser frühzeitig in der Fläche zurückzuhalten und, wie Stötter es zusammenfasst, dem Wasser wieder Raum zu geben.