Damit der Wald seine vielfältigen Funktionen für Mensch und Natur auch in Zukunft erfüllen kann, braucht es gezielte Pflege und Planung. Die Försterin Maria Probst setzt auf ein wachsendes Bewusstsein und gemeinsames Engagement.
Der Wald gehört zu den natürlichsten Ökosystemen der Alpen. Er ist Lebensraum für Tiere und Pflanzen, Wirtschaftsraum für den Menschen, natürlicher Schutzschild vor Naturgefahren und ein Ort der Erholung. Doch Wetterextreme, Schädlinge und der Klimawandel stellen unsere Wälder zunehmend vor neue Herausforderungen. Die Försterin Maria Probst erlebt diese Veränderungen aus nächster Nähe. Schon früh entwickelte sie eine enge Verbindung zur Natur – und machte diese Begeisterung zu ihrem Beruf.
Man stellt sich Ihren Job sehr romantisch vor: Den ganzen Tag im Wald sein, die Tiere beobachten, nach dem Rechten sehen. Wie viel hat das mit der Realität zu tun?
MARIA PROBST: Man kann den Beruf mit dem eines Gärtners oder einer Gärtnerin vergleichen – nur im viel größeren Maßstab.
Wir planen Maßnahmen, begleiten Aufforstungen und kümmern uns um die Entwicklung des Waldes. Natürlich ist man oft im Freien und das ist auch einer der schönsten Aspekte des Berufs. Gleichzeitig gehören viel Planungs- und Verwaltungsarbeit dazu – ich verbringe mittlerweile mehr als die Hälfte meiner Arbeitszeit im Büro. Aber wenn das Wetter passt, genießt man die Zeit draußen umso mehr. Für die meisten Menschen ist der Wald ein Ort zum Abschalten und Durchatmen.
Welche Bedeutung hat er darüber hinaus für unser Leben?
Der Erholungswert des Waldes ist eine Funktion, die in der aktuellen Zeit immer wichtiger wird. Er reinigt aber auch unsere Luft und sorgt bei Hitze für Abkühlung. Eine besonders wichtige Rolle spielt der Wald auch beim Klimaschutz: Ein Kubikmeter Holz kann bis zu einer Tonne CO2 speichern. Darüber hinaus filtert der Wald unser Wasser, bietet Lebensraum für Tiere und Pflanzen und liefert einen wichtigen nachwachsenden Rohstoff. Gerade bei uns in Tirol kommt noch eine ganz entscheidende Funktion dazu: der Schutz vor Naturgefahren.
Wie funktioniert das?
Der Wald bremst etwa die Entstehung von Lawinen, weil die Bäume dafür sorgen, dass sich eine große Lawine gar nicht erst entwickeln kann. Kleinere Lawinen fängt der Wald ab und bremst ihre Energie, bevor sie größere Schäden anrichten. Auch bei Steinschlag kann man die Schutzwirkung des Waldes erkennen, wenn man aufmerksam hinschaut. In Steinschlagschutzwäldern findet man oft verletzte Bäume mit Stellen, an denen Steine auf den Baum getroffen sind. Ohne diese natürliche Barriere würden die Steine ungebremst ins Tal rollen und könnten Straßen, Gebäude oder andere Infrastruktur treffen.
Passieren solche Ereignisse als Folge des Klimawandels häufiger?
Die Schadensereignisse und deren Intensität nehmen spürbar zu. Nach solchen Ereignissen müssen wir schnell reagieren, das Schadholz aufarbeiten und aus dem Wald bringen, weil geschwächte Bäume besonders anfällig für Schädlinge wie den Borkenkäfer sind. Dieser befällt vor allem Bäume, die unter Stress stehen – ähnlich wie ein Mensch mit geschwächtem Immunsystem anfälliger für Krankheiten ist.
Werden durch Sturm oder Trockenheit viele Bäume geschwächt, kann der Borkenkäfer sich sehr stark vermehren, befällt auch gesunde Bäume und verursacht deutlich größere Schäden, als das ursprüngliche Ereignis allein verursacht hätte.
Gibt es Baumarten, die besser mit den klimatischen Veränderungen zurechtkommen als andere?
Es gibt nicht die eine Baumart, die durch den Klimawandel als Gewinnerin hervorgeht. Vielmehr verändern sich die klimatischen Bedingungen und damit auch die Standorte, an denen bestimmte Baumarten gut zurechtkommen. In Tirol ist die Fichte die häufigste Baumart, aber in den tieferen Lagen gerät sie zunehmend unter Druck. Hier werden deshalb Mischwälder mit mehr Laubbaumarten wichtiger. Eiche oder auch Buche können in Tallagen gut wachsen, solange der Standort passt. In höheren Lagen ab 1.200 Metern eignet sich beispielsweise die Lärche, die heuer auch der Baum des Jahres ist. Entscheidend sind immer Boden, Wasser und Nährstoffe – nicht nur das Klima.
Wie geht es den Tiroler Wäldern aktuell?
Der Wald ist ein dynamisches Ökosystem, das ständig auf Veränderungen reagiert. Ihm ist es im Grunde egal, ob an einer bestimmten Stelle ein Baum steht oder nicht. Wenn ein Baum gefällt wird, wächst dort wieder etwas nach – dieses System würde sich langfristig auch ohne menschlichen Einfluss immer wieder verändern. Wir Menschen haben allerdings bestimmte Erwartungen an den Wald – und deshalb ist es wichtig, dass wir den Wald in einem Zustand halten, der diese Funktionen auch erfüllen kann.
Was kann man tun, um den Wald zu unterstützen – auch wenn man nicht Waldbesitzer*in oder Forstexpert*in ist?
All die Ansprüche, die der Wald zu erfüllen hat, müssen irgendwo zusammenkommen. Das funktioniert nur, wenn man ihn als gemeinsamen Lebensraum begreift und respektvoll mit ihm und miteinander umgeht. Gerade die Freizeitnutzung nimmt stark zu, was grundsätzlich positiv ist, aber auch gut gelenkt werden muss. Deshalb ist es wichtig, sich vor dem Besuch zu informieren: Wo ist es sinnvoll, Skitouren oder Wanderungen zu machen, und welche Bereiche sollte man eher meiden? Wenn jede*r ein bisschen Rücksicht nimmt und einen kleinen Beitrag leistet, ist schon sehr viel gewonnen.
Was stimmt Sie trotz aller Herausforderungen optimistisch?
In meiner Arbeit merke ich, wie sehr unsere Wälder den Menschen nach wie vor am Herzen liegen. Was ein bisschen verloren gegangen ist, ist das Wissen oder das Selbstvertrauen, selbst aktiv den Wald mitzugestalten. Da tut sich gerade zum Glück einiges: Es gibt viele Projekte, Initiativen und ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass der Wald nicht selbstverständlich ist, sondern dass man sich um ihn kümmern muss. Ich bin zuversichtlich und gehe davon aus, dass wir alles daransetzen werden, dieses wunderbare Ökosystem zu erhalten – weil wir ohne den Wald nicht existieren können.
Danke für das Gespräch.
Text: Leonie Werus, Fotos: Gerhard Berger
Der Bericht erschien erstmals im Grün-Magazin Nr. 5.